Hessens Landesregierung hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht

Bildung / Schule14. August 2017

Die hessische Landesregierung ist für alle Schülerinnen und Schüler ein denkbar schlechtes Vorbild, denn sie weigert sich beharrlich, ihre Hausaufgaben zu machen. Statt mit konkreten Maßnahmen zielgerichtet die offensichtlichen Mängel im Bildungsbereich anzugehen, verschlechtert die Landesregierung unter anderem durch eine überstürzte Inklusion, die Abschaffung von Förderschulen und bürokratische Vorgaben die Situation im neuen Schuljahr nochmal zusätzlich.

 

Hessens Schulen und die Grenzen des Leistbaren

Hessenweit klagen Lehrer über die gestiegenen Anforderungen im Schulalltag. Viele sehen bereits die individuelle Förderung der Kinder gefährdet. Statt Inklusion mit der Brechstange durchzusetzen, fordern die Freien Demokraten eine Bildungsinitiative gegen die Überlastung der hessischen Lehrkräfte. Nicht nur in der Politik, sondern auch in den Medien ist das Thema Inklusion seit Jahren ein Dauerbrenner. Insbesondere in diesem Jahr mehren sich die kritischen Berichte, die vor allem die Überforderung der Lehrkräfte in den Fokus nehmen. So berichtete beispielsweise die Deutsche Presseagentur (dpa) kürzlich, welche Schwierigkeiten es aktuell bei der Umsetzung der Inklusion im Schulalltag gibt, und porträtierte hierfür den Frankfurter Grundschullehrer Klaus Rödler, in dessen Klasse fünf von 22 Kindern einen Förderbedarf haben. „Es reicht nicht, zu sagen: Ihr dürft alle hier sein. Wer Inklusion macht, hat eine riesige Verantwortung“, erklärt der Pädagoge. Für eine gelungene Inklusion ist aus seiner Sicht vor allem eine Sache entscheidend: „Wenn man es gut machen will, braucht man viel Personal.“ Auch die Lehrerinnen und Lehrer des Staatlichen Schulamts für den Landkreis Gießen und den Vogelsbergkreis beklagen die derzeitige Situation und deren Auswirkungen auf die Schüler – in einer Stellungnahme heißt es: „Die Arbeitsbedingungen in vielen Inklusionsklassen sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt unzumutbar und stellen für Kinder und Lehrkräfte oft eine permanente Überforderung dar… Zerstörte Hoffnungen und Frustrationen einzelner Kinder nehmen zu.“

Für den FDP-Bildungsexperten Wolfgang Greilich sind derartige Berichte aus der Unterrichtspraxis nicht neu. Bei einer der letzten Plenardebatten zum Thema Inklusion zitierte der Bildungspolitiker aus dem Brief einer Lehrerin, die eindringlich beschreibt, dass es in ihrer Schule an allen Ecken und Enden klemmt. Insbesondere an die schwarz-grüne Landesregierung appellierte Greilich am Ende der Debatte: „Entscheidend ist doch: Die Lehrer halten das nicht mehr aus, sie schaffen es nicht mehr!“ Konkret bezieht sich der Liberale auf die Belastungssituation der Lehrkräfte in Hessen, die stetig durch zunehmende Heterogenität, aber auch durch die Erwartungen und Anforderungen von Eltern und weiterführenden Bildungseinrichtungen ansteigt.

Individuelle Förderung für Alle voranbringen

Die Heterogenität in der Schülerschaft ist jedoch längst nicht mehr auf die Frage der besonderen Bedürfnisse von einzelnen Schülern und die Frage nach Inklusion beschränkt: Zunehmend werden auch kulturelle, religiöse und soziale Unterschiede und die Frage der Bildungsnähe bzw. -ferne zu erheblichen Herausforderungen für die hessischen Lehrkräfte und Schulen. Es rückt also die Frage immer stärker in den Vordergrund, wie eine bestmögliche individuelle Förderung aller Schüler entsprechend ihren Begabungen und Fähigkeiten vor dem Hintergrund der sich wandelnden Bedingungen an unseren Schulen stattfinden kann. Aufschluss über die Perspektive der Lehrer zu diesem Thema gab das kürzlich veröffentlichte Ergebnis einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) mit der eindeutigen Feststellung: 97 Prozent der befragten Lehrer sprachen sich dafür aus, auch bei Einrichtung eines inklusiven Schulsystems die bisherigen Förder- und Sonderschulen alle (59 Prozent) oder mindestens teilweise (38 Prozent) zu erhalten. Nur 2 Prozent halten Förder- und Sonderschulen hingegen perspektivisch für entbehrlich.

Auch Greilich spricht sich klar dafür aus, dass mindestens auf absehbare Zeit die Förderschulen in Hessen erhalten bleiben müssen, um eine bestmögliche Förderung eines jeden Kindes gewährleisten zu können. „Wir sind für eine Bildungspolitik, die sich klar am Kindeswohl orientiert, und deshalb gilt: Kein Schüler darf unter halbherzig mit der Brechstange umgesetzter Inklusion leiden“, stellt Greilich klar. Er warnt davor, dass die schwarz-grüne Landesregierung „in diesem wichtigen und sensiblen Bereich“ aktuell auf bloße Luftschlösser setzt und die realen Bedingungen an Hessens Schulen ausblendet.

Zu wenig Personal, zu viele Aufgaben

Tatsächlich fehlen an den Grundschulen zum neuen Schuljahr 100 Lehrerinnen und Lehrer und bereits im letzten Jahr fehlten mehr als 70 Förderschullehrkräfte – und diese Entwicklung wird sich absehbar nicht entschärfen. Um sich ein klares Bild über die aktuelle Situation der Schulen machen zu können, haben die Freien Demokraten im Hessischen Landtag gleich mehrere Anfragen eingebracht. Das Ergebnis ist eindeutig: Weder sind die zur Umsetzung der Inklusion notwendigen Ressourcen derzeit an Hessens Schulen flächendeckend vorhanden noch können sie kurzfristig geschaffen werden. „Die Realisierung von Inklusion ist nur möglich, wenn die Schulen über eine entsprechende Ausstattung verfügen. Wenn man sich nicht an der Zukunft unserer Kinder versündigen will, darf nicht an der Qualität der Bildung gespart werden“, kommentiert Greilich die Ergebnisse der Anfragen. Aus Sicht der Freien Demokraten seien angesichts der derzeitigen Überforderungssituation an Hessens Schulen nun vor allem zwei Maßnahmen zu ergreifen: Zum einen muss der Ressourcenvorbehalt auch weiterhin gelten und zum anderen benötigt Hessen vor dem Hintergrund dieser schwierigen Konstellation eine Bildungsinitiative, die mit pragmatischen Einzelmaßnahmen zu einer Entlastung der Schulen beitragen kann.

Bildungsinitiative zur Förderung der Lehrerausbildung und interdisziplinären Zusammenarbeit

Auch wenn eine Erhöhung der Ressourcen an Hessens Schulen eine entscheidende Voraussetzung für die Bewältigung der gestiegenen Anforderungen ist, bedarf es aus Sicht der FDP aktuell dringend weiterer Schritte. Vor allem muss künftig die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Professionen wie beispielsweise von Schulsozialarbeitern, Schulpsychologen, Integrationshelfern und Therapeuten mit den Lehrerinnen und Lehrern gezielt gefördert werden. Außerdem muss die Ausbildung von Lehrkräften den anspruchsvollen Umgang mit der wachsenden Heterogenität stärker in den Blick nehmen. Vor allem für Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer gilt es ein besonderes Weiterbildungsprogramm zu entwickeln, das spezielle Konzepte und Methoden zur Bewältigung der Alphabetisierung von Seiteneinsteigern im Deutschunterricht vermittelt.

„Daran, dass die Realisierung von Inklusion, der Ausbau von Ganztagsangeboten, zusätzliche Sprachkurse und Integration wichtige gesellschaftliche Aufgaben sind, besteht überhaupt kein Zweifel. Wenn wir das Wohl der Kinder in den Mittelpunkt stellen, müssen wir jedoch auch kritisch überprüfen, ob die bisherigen Maßnahmen und Ressourcen, die gemäß dem individuell festgestellten Förderbedarf gewährt werden, tatsächlich ausreichen, um eine inklusive Beschulung im schulischen Alltag an der Regelschule sinnvoll realisieren zu können“, so Greilich. Um die Überlastungssituation an den Schulen in Hessen zu lindern, fordert der schulpolitische Sprecher der Freien Demokraten zudem eine Entlastung der Lehrer von bürokratischen Zusatzaufgaben durch „eine Reduzierung der aktuell übersteigerten Kontrollbedürfnisse des Kultusministeriums“ zugunsten von mehr Vertrauen in die Lehrerinnen und Lehrer. Denn Fakt sei, dass die schwarz-grüne Landesregierung durch Stellenumsteuerungen und zusätzliche Anforderungen an Schulen und Lehrkräfte einen entscheidenden Anteil daran habe, dass die hessischen Schulen längst an den Grenzen des Leistbaren angekommen seien.

Situation wird sich weiter verschlechtern

Insbesondere die Pressekonferenz des Kultusministers zum Schuljahresstart hat gezeigt, dass CDU und Grüne noch immer nicht verstanden haben, dass die in den vergangenen Jahren immens gestiegenen Anforderungen an Schulen und Lehrpersonal nur bewältigt werden können, wenn die notwendigen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. „Da die vorhandenen Stellen und Mittel absehbar bei weitem nicht ausreichen werden, um Inklusion und Integration sinnvoll und vor allem im Sinne aller Schüler umzusetzen, läuft die Landesregierung in der Schulpolitik aktuell sehenden Auges vor die Wand“, erklärte Greilich. Die Freien Demokraten forderten die Landesregierung auf, die teils sehr drastischen Schilderungen aus der Schulpraxis ernst zu nehmen und die Schulen nicht mit immer neuen Aufgaben zu belasten, sondern dringend notwendige Maßnahmen zu ergreifen, um die Über- beziehungsweise Belastungen zu beheben und somit das Kindeswohl wieder in den Mittelpunkt zu stellen.

Landesregierung muss FDP-Berichtsantrag umfassend beantworten

Schließlich legte Greilich im Namen der Freien Demokraten einen Berichtsantrag vor, dessen Beantwortung einen Überblick über das Ausmaß der aktuellen Herausforderungen geben soll. „Nur auf Basis der Kenntnis der dort abgefragten Daten lassen sich solide Planungen zur Bewältigung der angemahnten Probleme vornehmen. Es ist jedoch bereits jetzt offensichtlich, dass die aktuell zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht ausreichen werden, um die tatsächlichen Bedarfe an den hessischen Schulen abzudecken. Angesichts dieser Konstellation muss aus unserer Sicht, wenn man nicht an der Qualität der Bildung unserer Kinder sparen will, der Ressourcenvorbehalt auch weiterhin gelten“, so Greilich. Die Freien Demokraten stehen für eine Bildungspolitik ein, die sich klar am Kindeswohl orientiert und erneuerten ihre Forderung nach dem Erhalt eines flächendeckendes Angebots an Förderschulen, um die bestmögliche Förderung eines jeden Kindes gewährleisten zu können. Ziel der Schulpolitik dürfe nicht eine möglichst hohe Inklusionsquote sein. Vielmehr ginge es ausschließlich um die Frage, was der beste Förderort für jedes Kind ist.